Ein geologisches Mysterium: Der Blautopf

Eine schwäbische Geschichte

Reise zum Blautopf

Als ich  auf meiner Heimreise vom Bodensee, bei strahlendem Wetter durch Oberschwaben fuhr, vorbei an schönen, barocken Kirchen und Klöstern, entschloss ich mich spontan, einen Abstecher an den Blautopf zu machen, wo ich schon lange mal hin wollte.
Nach Biberach führte mich die Schwäbische Dichterstrasse an Ehingen vorbei, über die Donau auf die Schwäbische Alb und schon war ich in Blaubeuren und am Blautopf.

Am mythen- und sagenumwobenen Blautopf

Da stand ich nun, am sagenumwobenen Blautopf, schaute in eine wirklich tiefblaue Quelle, empfand sie als unergründlich und konnte verstehen, dass der Quelltopf in früher Zeit als bodenlos galt. Gegenüber ragte eine riesige Felswand in die Höhe und ein altes Mönchskloster ist auch in der Nähe. Der Blautopf ist von Mythen und Sagen umgeben. Der schwäbische Dichter, Eduard Mörike, hat mit seinem Märchen „Die Historie von der schönen Lau“, nicht unerheblich dazu beigetragen. Diese Nixe, die schöne Lau, wurde von ihrem Mann, einem Fürsten aus fernem Land verbannt, weil sie nicht lachen konnte – als schöne Nixe im Blautopf ist sie unsterblich und kann wieder lachen. So soll sie, in alter Zeit, als man mit einem Bleilot die Tiefe der Quelle messen wollte, immer wieder die Bleikugel gestohlen haben – man hörte ihr Lachen ganz deutlich. In Stein gemeisselt steht sie heute anmutig am Ufer der Quelle.

Seit dieser Reise sind 30 Jahre ins Land gezogen und ich stelle fest, dass der Blautopf nichts von seiner Faszination verloren hat – im Gegenteil. Höhlenforscher, mutige Männer, besessene, wissbegierige Forscher haben das gigantische Höhlensystem, eine einmalige, unterirdische Landschaft unter der schwäbischen Alb entdeckt. „Unter 160 Quadratkilometer Oberfläche erstreckt sich das System und wahrscheinlich ist es noch sehr viel grösser“ – eine Sage berichtet, dass die Höhlenwege in grossen Tiefen bis zum Schwarzen Meer reichen – . Je nach Witterungsverhältnissen sollen bis zu 30 000 Liter Wasser pro Sekunde aus der runden, 30 m breiten Quelle in das weitverzweigte Höhlensystem fliessen; abgesehen von dem Flüsschen Blau, das lustig aus der Quelle sprudelt und über die Alb der Donau zufliesst.
Der Einstieg für Höhlenforscher ist nur durch die Blautopfquelle möglich, es ist dunkel, sehr kalt und sehr gefährlich.  Durch enge wasserdurchströmte Felsspalten und Gänge, Flüsse und Seen gelangen sie in riesige, urweltliche Tropfsteinhöhlen und Hallen mit Ablagerungen von Mineralien und Kristallen, Gebilde in Formen und Farben von faszinierender Schönheit.

Der Mörikedom im Blautopf

Nach einem 45-minütigen Unterwasserweg tauchten die beiden Höhlenforscher in einer riesigen Halle wieder auf, sie nannten sie Mörikedom – in den Ausmassen von 40 m Höhe und 125 m Länge. Mit Schlauchbooten fuhren sie weiter durch zwei grosse Hallen und ein Ende war noch lange nicht in Sicht, der Kontakt zur Aussenwelt war schon lange verloren. Man musste sich total auf seinen Kameraden verlassen können, denn schon einige Menschen sind ums Leben gekommen; für Hobbytaucher ist der Zugang zur Quelle verboten.

Mit Bergsteigerausrüstung kletterten die beiden Höhlenforscher die Karstfelsen hoch, durchquerten schlammige Passagen, zwängten sich durch Felsspalten – und das mit all der der technischen Ausrüstung, hochempfindlichen Kameras und Lampen auf dem Buckel. Die einmaligen, wunderbaren  Fotos vom „Zauber der Unterwelt“, besonders vom Mörikedom in den Medien, sind unbeschreiblich schön und interessant.

[Quelle: HÖRZU Nr. 44, vom 26.10.2012 – Walter Karpf/D]

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